Berliner Zeitung - German - August 31, 1999

Im Schatten des Galgens
Mittelalterlich gerockt im Lederschurz: In Extremo im Columbiafritz

In Extremo ist eine Truppe, die etwas von Dienstleistung versteht. Sie hat gleich zwei verschiedene Shows im Angebot, ein vorgeblich authentisches Mittelalter-Spektakel und ein Rockprogramm mit dem gewissen Mittelalter-Flair. Da In Extremo die Bühne des Columbiafritz am Sonntagabend mit umgeschnallten Gitarren betrat, war augenscheinlich eine Rockband gebucht. Im Schatten eines Galgens ging die Band zwischen zwei brennenden Metallkübeln in Positur. Feuer, Lederschurz und rasierter Schädel sind die Hauptmerkmale im Erscheinungsbild, schlicht stumpfer Hardrock mit Schalmei und Dudelsack ist ihre Musik.

Der In-Extremo-Sänger trägt den denkwürdigen Namen "Das letzte Einhorn" und singt vornehmlich in Sprachen, die heute kein Mensch mehr spricht. Mal sind die Texte in Latein verfasst, mitunter kehlt und gurgelt er von tief unten Alt-Schwedisches oder Alt-Norwegisches hervor. Was In Extremo dem Publikum zu sagen hätten, bleibt daher dankenswerter Weise im Verborgenen, denn spätestens, wenn Das letzte Einhorn mal einen deutschen Text zum Besten gibt, bekommt man eine Ahnung, wovon die anderen handeln könnten.

So ist im Titel "Weiberfell" eine Frau zwar "jung", doch "alt genug" an Jahren, um im Gebüsch sogleich auf den "Bauch" gelegt zu werden. Das ist zweifellos Sexismus in Reinkultur, doch In Extremo erklärt ihn als "Rückbesinnung auf Tradition und unzerstörte Natur". Ob das nun dumm, ekelhaft, geschmacklos oder fahrlässig ist, bleibt schwer zu entscheiden, die sieben Möchtegern-Vaganten sieht man jedenfalls stoisch mit schweißnasser Brust ihr simpel gestricktes Liedgut darbieten.

Wären In Extremo eine Einzelerscheinung, der Budenzauber wäre nicht der Rede wert. Doch das Mittelalter steht hoch im Kurs, auch Tanzwut, The Inchtabokatables und Subway To Sally inszenieren sich, als stünden Pest und Inquisition vor der Tür. Als Erklärung muss dabei oft Zivilisationsmüdigkeit und das Bedürfnis nach Authentizität herhalten, die Sehnsucht nach echten, spontanen und tief erlebten Gefühlen. Was an einer Zeit, in der schmutzige Füße und eiternde Zähne an der Tagesordnung waren, so verführerisch sein soll, ist ohnehin fragwürdig. Unangenehm wird es allerdings, wenn sich hier eine Spielart von Pop zu etablieren sucht, die sich statt an Elvis und Glitzerkostümen an nordischen Gottheiten und Bärenfellen orientiert, um dumpf drauflos zu rocken. Alle Errungenschaften von Pop werden zu Gunsten eines komplett ironiefreien archaisch-martialischen Männlichkeitsideals über Bord geworfen.