Metal Heart - German - unknown

In Extremo - die breite Masse im Visier

Mittelalterklänge und harte Rockmusik zu vereinen, ist immer noch schwer modern, doch auch auf diesem Sektor hat sich mittlerweile die Spreu vom Weizen getrennt. Trittbrettfahrer, die sich vor ein paar Jahren nur aus finanziellen Hoffnungen diesem Boom angeschlossen haben, dürften inzwischen dem nächsten Trend hinterher hecheln, und somit haben die wahren Künstler dieser Sparte wieder genügend Platz, sich zu entfalten. In Extremo, die neben Subway to Sally wohl bekanntesten und erfolgreichsten Vertreter ihrer Zunft, fahren jedenfalls mit ihrem neuesten Werk Sünder ohne Zügel ein schweres Geschütz auf, das der Band sicherlich einen noch größeren Fankreis bescheren und das Septett somit einen gehörigen Schritt nach vorne bringen wird.

Nicht, dass sich Grundlegendes geändert hätte Im Hause

In Extremo. Die Zutaten des Süppchens sind nach wie vor diesel- ben, allerdings befinden sich diesmal diverse Tracks auf dem Silberling, die dank ihrer catchy Hooklines auch eine Klientel ansprechen dürften, die sich normalerweise gemäßigten geradlinigen Tönen hingibt. Des einen Freud' dürfte dabei allerdings genauso gut des anderen Leid bedeuten, denn altgediente Anhänger der Formation könnten die aktuellen Songs als etwas zu sehr dem Mainstream zugehörig empfind- en. Eine Überlegung, die Frontmann Michael "Das Letzte Einhorn" Rhein nicht so dramatisch sieht. "Es wäre doch toll, wenn wir mit Sünder ohne Zügel noch mehr Leute für diese Art der Musik begeistern könnten. Wir arbeiten sicherlich nicht mit irgendwelchen Hintergedanken an den Songs und stellen auch bestimmt keine Überlegungen über die Poppigkeit der Lieder an, aber wenn die Endprodukte uns sieben Individuen zufrieden stellen, ist alles in Butter. Ich denke auch nicht, dass wir sonderlich viele alte Fans mit der Scheibe vor den Kopf stoßen, denn sie stellt ja keineswegs einen Stilbruch oder gar eine Abwendung von dem bislang gegangenen Weg dar." Wahre Worte, zumal In Extremo auch diesmal wieder altbekannte Trademarks mit an Bord haben, die nur die Band selbst in dieser Art und Weise umsetzen kann. Als bestes Beispiel dient da wohl die zweite Aufarbeitung der Merseburger Zaubersprüche, die dem ersten Teil vom letzten Output Verehrt und angespien in nichts nachsteht, wohl oder übel jedoch den Schlusspunkt unter dieses Kapitel setzt. "Bei den Zaubersprüchen handelt es sich um die ersten erhaltenen Texte, die in der uns bekannten Sprache niedergeschrieben wurden", entführt uns der Sänger in längst vergan- gene Zeiten. "Das Ganze passierte so am Anfang des siebten Jahrhunderts und beschränkt sich wirklich auf diese beiden von uns vertonten Dokumente, so dass diesbezüglich nichts mehr folgen kann."

Anders sieht die Sache im Bezug auf die exotischen textlichen

Auswüchse der Combo aus, die sicherlich nicht so schnell zu den Akten gelegt werden müssen und auch auf dem aktuellen Silbertaler wieder gut die Hälfte der Tracks veredeln und sie damit zu einem besonderen Erlebnis machen. Zwar dürfte es den wenigsten Fans der Formation in unseren Breiten gegönnt sein, die Lyrics zu verstehen, doch gerade dieser Punkt schützt die Stücke wohl auch vor allzu schneller Abnutzung, da immer wieder neue Kleinigkeiten entdeckt werden wollen. Für Michael stellen die Texte indes eine ebenfalls nicht zu unterschätzende Aufgabe dar, da er eigenen Aussagen zufolge den Sprachen, in welchen Songs wie Krummavisur oder Omnia Sol Temperat verfasst sind, gar nicht mächtig ist. "Die Sachen bedeuten für mich richtig viel Arbeit", erklärt der Gute das Ausarbeiten der Lyrics. "Nimm beispielsweise Nature Nous Semont. Die Geschichte stammt aus dem zehnten Jahrhundert und basiert auf einem altprovencalischen Text, der sich um einen Spielmann dreht, der in einer Kneipe sitzt, als ein General in der Tür auftaucht und alle freien Männer zum Kriegsdienst einziehen will. Der Spielmann, der mit solchen Dingen logischerweise nichts am Hut hat, versteckt sich daraufhin unter einem Weiberrock und wartet, bis der Kriegsherr wieder verschwunden ist. Der Gute war somit einer der ersten Kriegsdienstverweigerer und uns auf jeden Fall ein Lied wert. Eine Freundin von mir hat den Originaltext ins Neufranzösische übersetzt, woraufhin ich ihn bearbeitet habe, bis er für uns in der richtigen Form war. Danach brachte meine Freundin die Geschichte wieder in die ursprüngliche Sprache zurück, und für mich begann das Auswendiglernen des Textes - das ist sehr aufwändig, macht aber einen Heidenspaß: Dabei legen sich In Extremo nicht auf bestimmte Sachen fest - wie es kommt, so kommt's! Krummavisur zum Beispiet ist isländisch und erzählt in ebendieser Sprache die Geschichte der Entdeckung des Staates durch einen Seemann, der auf seinem Kahn einschlief, ein wenig vom Weg abkam und schließlich ein Land entdeckte, das er Island nannte und mit Hilfe der Damenwelt anfing zu bevölkern; nette Beschäftigung.

Einen annähernd ebenso feinen Zeitvertreib

haben sich In Extreme nach der letzten Veröffentlichung gegönnt - eine Episode, an die "Das Letzte Einhorn" auch heute immer noch gerne zurückdenkt. "Zu diesem Zeitpunkt haben wir die erste Reise nach Übersee gemacht und in Nordamerika sowie in Mexiko gespielt. Während die Gigs in Amerika relativ normal verliefen und wir in Clubs mit durchschnittlich 500 Besuchern spielten, waren die Auftritte in Mexiko der Wahnsinn pur. Dort haben wir vor wahren Massen gespielt - 20 000 Zuschauer waren kein Einzelfall. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, als erste ausländische Band überhaupt in einer mexikanischen Fernsehshow aufzutreten, die durchschnittlich von 80 Millionen (!!!) Menschen gesehen wird - das Gefühl, das wir dabei hatten, kann ich auch heute noch nicht in Worte fassen. Bei einem Konzert in Mexiko City war es sogar so weit, dass wir in gepanzerten Wagen und mit Polizeieskorte aus der Stadt zum Flughafen gebracht werden mussten. Da kommst du dir vor wie in einem Film über die Rolling Stones in den Siebziger Jahren. Glücklicherweise haben wir alle schon ein Alter erreicht, in dem wir mit solchen Erlebnissen umgehen können, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir haben den immensen Zuspruch zwar sehr genossen, aber als wir wieder zu Hause angekommen waren, konnten wir uns ohne Probleme in den alten Begebenheiten zurecht finden." Eine Aussage, die man den Musikanten ohne weiteres abnimmt, denn von Überheblichkeit oder Arroganz ist bei den Männern definitiv nichts zu spüren. Nach diesen überaus positiven Erfahrungen im vergangenen Jahr ist es natürlich nicht verwunderlich, dass die Gruppe anlässlich des Erscheinens von Sünder ohne Zügel neben einer ganzen Menge europäischer Staaten auch wieder besagte Länder jenseits des Großen Teiches bereisen wird, um überall das neue Material publik zu machen. Ihr Engagement bezüglich Gastspielen auf Mittelaltermärkten wollen die glorreichen sieben jedoch reichlich zurückschrauben, da sie "einfach keine Lust mehr haben, vor Bockwurst und Coca Cola-Verkäufern zu spielen; das ist unpassend. Wir treten in diesem Jahr darum nur auf zwei ausgesuchten Events auf, obwohl wir locker auf 100 hätten spielen können. In dieser Art von Mucke liegen bekanntermaßen und unbestreitbar unsere Wurzeln, die wir auch niemals verleugnen werden, aber wir wollen eben erst einmal abwarten, wie sich diese Märkte entwickeln. Es kann ja Wohl nicht Sinn und Zweck der Sache sein, gnadenlosen Kommerz zur Hauptantriebsfeder zu erklären..."