Rock Hard - German - February 1, 2003
Schwatzkasten
Mit Das Letzte Einhorn (Michael Rhein) von In Extremo
Als ein Mann mit hartem Äußeren und weichem Kern, der sein Herz auf der Zunge trägt, wird Michael Rhein beschrieben. Der Sänger, unter dem Künstlernamen DAS LETZTE EINHORN das Aushängeschild der Mittelalterrocker In Extremo, hat alles miterlebt: vom staatlich geduldeten Rockmusiker in der DDR zum anerkannten Chartbreaker.
Rock Hard: Wann und wo wurdest du geboren?
Michael Rhein:Am 18. Mai in Dingelstedt.
Dieser Ort liegt in Thüringen.
Rock Hard:Woran denkst du zuerst, wenn
du dich an deine Kindheit erinnerst?
Michael Rhein:Ich war laufend dreckig,
da ich mich überall herumgetrieben habe. Meine Eltern hatten nur Arbeit
mit mir.
Rock Hard:Hattest du ein Lieblingsspielzeug?
Michael Rhein:Ich warf ständig eine Decke über
ein Baugerüst. Das war dann mein Pferd.
Rock Hard:Warst du in der Schule ein Ärgernis
für deine Lehrer, oder warst du brav?
Michael Rhein:Stress ist mir vermutlich
angeboren. Lieb war ich auf keinen Fall. Ab und an hab ich mich geprügelt,
aber besonders krass war es auch nicht.
Rock Hard:Welche Schulfächer hast du gemocht,
welche gehasst?
Michael Rhein:Ich mochte Geschichte und
Sport. Aber ich hasste Musik. Im Singen bekam ich zwar immer eine Eins,
aber dafür hagelte es in Theorie immer ein "Ungenügend". Das machte summa
summarum ständig eine Drei in Musik. Mein Musiklehrer war bescheuert, denn
wenn man in seinem Unterricht schwatzte, warf er seinen großen Schlüsselbund
an den Kopf des Schwätzers.
Rock Hard:Was war deine erste wichtige
Begegnung mit Rock'n'Roll?
Michael Rhein:Anfang der Siebziger Jahre
hörte ich zum ersten Mal die Stones, Jimi Hendrix und Deep Purple. Das
habe ich meinem älteren Bruder zu verdanken, der auf die ganzen alten Rockbands
stand. Wenn ich allein zu Hause war, schmiss ich eine Kassette meines Bruders
ein, legte mir ein Handtuch auf den Kopf und machte ein Stirnband drum.
Das waren dann meine langen Haare. Dann nahm ich einen Federballschläger,
den ich vorher mit "Saiten" bemalt und mit "Stimmwirbeln" beklebt hatte.
Das war dann meine Gitarre. Und so poste ich dann vor dem Spiegel.
Rock Hard:Hat dich jemand religiös beeinflusst?
Michael Rhein:Ja, ich bin katholisch erzogen
worden und musste regelmäßig in die Kirche. So war das halt auf dem Dorf.
Rock Hard:Bist du ein religiöser Mensch?
Michael Rhein:Es mag ja einen Schöpfer
geben, aber mit dem Kirchenapparat will ich nichts zu tun haben. Mein Motto
ist eher: leben und leben lassen.
Rock Hard:Hattest du schon mal Ärger mit
Polizei und Justiz?
Michael Rhein:Mit elf stand ich erstmals
vor einem Schulgericht. Und zwar wurde in der Nacht zum ersten Mai immer
ein Hexenfeuer angezündet. Früher hieß das in der DDR Maisprung, heute
sagt man Walpurgisnacht dazu. An diesem Feuer hatten wir heimlich unser
erstes Bier getrunken. Als das Feuer langsam ausging, wir aber noch nicht
heim wollten, nahm ich eine DDR-Fahne und warf sie ins Feuer, damit es
weiterbrannte.
Irgendwer hat mich verpfiffen.
Natürlich wurde der ganze Vorfall politisch ausgelegt. Sogar mein Vater
bekam deshalb auf seiner Arbeitsstelle Ärger. Als Teenager kamen dann diverse
Verfolgungsjagden mit der Polizei auf dem Moped hinzu. Schwarzfahren, Fahren
unter Alkoholeinfluß - das Übliche halt. Ich konnte aber immer entwischen,
denn mit einem Moped kann man Treppen runterfahren, mit einem Polizeiauto
jedoch nicht. Später, als Musiker in der DDR, wurde man andauernd mit der
Polizei konfrontiert.
Rock Hard:Welche CDs würdest du auf eine
einsame Insel mitnehmen?
Michael Rhein:Eine Mischung aus Alt und
Neu. Filter wären mit dabei, ein ganz ruhiges Album würde ich einpacken.
Dazu kämen ein paar CDs von Led Zeppelin, Hawkwind und Deep Purple.
Rock Hard:Welchen Job würdest du ausüben,
wenn du kein Musiker wärst?
Michael Rhein:Koch oder Schlosser. Keine
Ahnung. Vielleicht auch Fliesenleger.
Rock Hard:Berichte uns dein erstes sexuelles
Erlebnis.
Michael Rhein:Ooh, das ist lange her. Mit
zwölf oder dreizehn hatte ich das erste Mal Gelegenheit, mit einem Mädchen
zu kuscheln. Im Hintergrund lief Santana, und der Wonnetropfen floss.
Rock Hard:Bitte beschreibe uns:
Die Frau deiner Träume.
Michael Rhein:Meine Frau.
Rock Hard:Einen perfekten Tag.
Michael Rhein:Bis um zwölf pennen, danach
ein Frühstück mit weich gekochtem Ei oder Spiegeleiern ans Bett bekommen,
leise Musik im Hintergrund, den ganzen Tag faulenzen, gute Textideen haben,
abends ein schönes Sektchen trinken, dazu einen dampfen und vorm Einschlafen
noch ein schönes Knipschen machen.
Rock Hard:Deinen schlimmsten Alptraum.
Michael Rhein:Auf einer Autobahnraststätte
den Nightliner verpassen.
Rock Hard:Deinen amüsantesten Trip unter
dem Einfluß von Stimulanzen.
Michael Rhein:Ich nehme keine Drogen und
trinke keinen Alkohol....
Rock Hard:Logisch.
Michael Rhein:Oh Gott, da gibt es so viele
Geschichten. Als ich das erste Mal in den USA war, haben wir uns für wenige
Hundert Dollar ein Auto gekauft und sind damit Tausende von Kilometern
durch das Land gefahren. In Miami habe ich die Karre wieder verhökert und
mir von dem Geld Schuhe gekauft. Frag mich nicht, warum.
Rock Hard:Würdest du für politische oder
gesellschaftliche Organisationen live spielen?
Michael Rhein:Gegen Rassismus zum Beispiel
würde ich auf die Bühne gehen, für politische Parteien allerdings nicht.
Rock Hard:Interessierst du dich für Politik?
Michael Rhein:Ja, ich bin eigentlich immer
auf dem Laufenden. Aber ich muß auch ehrlich sagen, dass ich ein potenzieller
Nichtwähler bin. Die ganze politische Blase in Deutschland kann mich mal
am Arsch lecken.
Rock Hard:Könntest du dir vorstellen, Politiker
zu sein?
Michael Rhein:Niemals.
Rock Hard:Hast du Feinde?
Michael Rhein:Natürlich, das ist ganz normal.
Aber es gibt keine konkreten Todfeinde. Höchstens Leute, die mich nicht
leiden können.
Rock Hard:Liberal, alternativ, konservativ
- wie würdest du dich selbst einschätzen?
Michael Rhein:Von jedem etwas. Manchmal
ertappe ich mich dabei, spießig zu sein. Gerade, was Ordnung und Sauberkeit
betrifft. Alles in allem bin ich aber ein lustiger Vogel, der gern in Gesellschaft
ist.
Rock Hard:Wofür würdest du dich entscheiden:
Bungee-Jumping mit Lemmy, ein Liebeslied mit Britney Spears singen oder
eine Unplugged-Show mit Hammerfall spielen?
Michael Rhein:Bungee-Jumping würde ich
für kein Geld der Welt machen, denn ich würde mir vor Angst echt in die
Hosen kacken. Und Britney Spears muß ihre Lieder ohne mich singen, denn
diese Frau geht gar nicht. Ich glaube, ich würde das mit dem Kastraten-Gesang
machen. Da bestünde wenigstens die Chance, dass ich den Sänger übertöne.
Rock Hard:Mit wem möchtest du gerne mal über
Haß philosophieren?
Michael Rhein:Mit Klaus Kinski, wenn er
noch leben würde.
Rock Hard:Und über Gott?
Michael Rhein:Auch mit Klaus Kinski.
Rock Hard:Und übers Wetter?
Michael Rhein:Das mache ich immer mit meiner
Mutter. Mit Müttern kann man am besten übers Wetter und über den üblichen
Dorfklatsch reden.
Rock Hard:Wer ist der coolste Rock'n'Roller
der Welt?
Michael Rhein:Ich denke mal Lemmy. Andererseits
habe ich letztens die Queens of the Stone Age live gesehen. Zumindest auf
der Bühne sind die Kerle verdammt cool.
Rock Hard:Hat dich mal ein Fan so richtig
genervt?
Michael Rhein:Ich mag es nicht, wenn besonders
hartnäckige Fans einen auf Schritt und Tritt überwachen, dir andauernd
hinterherlatschen und dabei ein Helfersyndrom haben. Man möchte gern ab
und zu mal sagen: "Halt doch einfach mal deine Fresse und lass mich in
Ruhe!" Die heftigste Story, die ich mal erlebt habe, war noch zu DDR-Zeiten,
als ich Sänger der Band Noah war. Ich kniete singend am Bühnenrand, als
mich ein Fan an meinen damals recht langen Haaren von der Bühne zog, um
mit mir herumzutoben. Ich war total irritiert, und mein Kopf tat tierisch
weh, denn ich hatte ein größeres Haarbüschel eingebüßt. Später kam der
Kerl in den Backstage-Raum und sagte, das sei alles nicht so gemeint gewesen,
und wollte mit mir feiern. Zuerst haute ich dem Typen eins aufs Maul und
sagte ihm, dass er es nicht überleben würde, wenn er noch mal so eine Scheiße
macht - und danach reichte ich ihm ein Bier. Wir tranken dann zusammen,
und alles war gut. Aber ich musste ihm vorher eine reinhauen.
Rock Hard:Wie stellst du dir das Paradies
vor?
Michael Rhein:Eine richtig gute Stereoanlage
an einem schönen Strand. Ich liege auf einer Hängematte, und vor mir tanzen
hübsche Mädchen. Und am Ufer liegt ein Boot.
Rock Hard:Und die Hölle?
Michael Rhein:Sechs Uhr morgens aufstehen,
in die Fabrik latschen und die Karte in die Stechuhr stecken. Abends total
fertig nach Hause kommen, noch eine Stunde Fernsehen gucken, und danach
schlafen - bis um sechs.
Rock Hard:Hast du jemals gedacht, dass
du mit deiner Musik und deinen Texten Menschen beeinflussen könntest?
Michael Rhein:Nein, ich habe auch niemals
gedacht, dass wir mit In Extremo überhaupt Erfolg haben würden.
Rock Hard:Welches Land ist für dich das
spannendste?
Michael Rhein:Eigentlich Deutschland. Deutschland
hat unmögliche Gegensätze zu bieten und beherbergt unzählige Verrückte.
Ansonsten finde ich Mexiko verdammt spannend. Dort sind viele Menschen
völlig mittellos, aber dennoch gut gelaunt. Hier zu Lande wird immer nur
geklagt.
Rock Hard:Was für ein Trinker bist du?
Michael Rhein:Ich bin selten besoffen.
Wenn, dann bin ich ein lustiger Trinker, denn ich werde danach sehr laut
und treibe viel Schabernack. Früher in der Zone zum Beispiel saßen wir
in der Kneipe, und wenn die Soljankaesser am Nachbartisch nicht aufpassten,
warfen wir ihnen Hundefutter in die Suppe.
Rock Hard:Wie heißt die mieseste Band der
Welt?
Michael Rhein:Es gibt eine Band, die einerseits
völlig mies, andererseits auch irgendwie geil ist: Finisterra. Die sind
wirklich richtig schlecht, aber ich finde es voll geil, dass sie es ernst
meinen.
Rock Hard:Und die beste Band der Welt?
Michael Rhein:Die müsste man zusammensetzen.
Rock Hard:Na, dann mal los.
Michael Rhein:Also, ich bin mit meinen
Mitmusikern sehr gut bedient. Aber wenn ich tatsächlich eine Band kreieren
könnte, würde ich Dave Grohl ans Schlagzeug setzen. Oder nein: Ich nehme
nur echte alte Helden von Purple, Zeppelin und Motörhead, verstärkt um
Jimi Hendrix.
Rock Hard:Welchen Musikstil findest du
grauenvoll?
Michael Rhein:Heavy Metal mit Kastratengesang.
Rock Hard:Wer möchtest du in deinem nächsten
Leben sein?
Michael Rhein:Erneut die Person, die ich
jetzt bin.
Rock Hard:Wer warst du in deinem vorherigen
Leben?
Michael Rhein:Ein Seemann.
Rock Hard:Stell dir vor, es ist der letzte
Tag in deinem jetzigen Leben. Was würdest du tun?
Michael Rhein:Ich würde mit meiner Frau
aufs Meer fahren und mit ihr unter Helium-Einfluß ficken.
Rock Hard:Du weißt sicher, dass Helium
nichts anderes bewirkt als eine extrem hohe Stimme...
Michael Rhein:Ja, aber es wäre doch lustig,
wie wir beim Vögeln herumpiepsen. Ich würde lachend sterben.
