Metal Heart - German - July 1, 2003
Videodreh im Knast
"Küss mich!", posaunen In Extremo in die Welt hinaus. So heißt nämlich ihre neue Single. Das dazugehörige Video spielt nicht etwa im Auto, Restaurant, Wald oder auf der Flugzeugtoilette, sondern ausgerechnet im Knast.
"Ich bin von deinem Anblick besessen", lautet die zentrale Textzeile des Liedes. Spätestens wenn man die Wärterin sieht, weiß man, warum. Aber wenn ein und dieselbe Sequenz 20 Mal gedreht werden muss, ehe sie im Kasten ist, kann das schon ziemlich nerven - zumal Arbeitsbeginn bereits um 7 Uhr morgens und das Ende nicht vor 23 Uhr zu erwarten war. Gedreht wurde im ehemaligen Untersuchungsgefängnis in der heutigen Otto-Braun-Straße in Berlin Mitte, gleich hinterm Alexanderplatz.
Die Musiker waren rund um die Uhr eingespannt und hatten kaum Zeit, hastig eine Zigarette zu rauchen oder sich gar Nahrung zwischen die Zähne zu schieben. Stets drängte ein Assistent der Regie, ein Techniker, die Maskenbildnerin oder ein Fotograf. Letzterer bat alle dringend zur Gruppenaufnahme in den Hof, weil in Kürze das Licht weg sein würde - am hellen Vormittag! So konnten nur wenige Sätze mit den trotz allem Stress gleichbleibend freundlichen und witzigen Buben gewechselt werden. Sänger Micha über den Weg der Formation hinter schwedische Gardinen: "Uns wurden mehrere Vorschläge unterbreitet, und wir meinten, mit dem Knast können wir leben. Denn erstens kann man mitunter schneller im Gefängnis landen, als man denkt. Und zweitens hatte das für uns etwas Neutrales, also zumindest nichts mit Mittelalter zu tun."
Markus Gerwinat, der als Chef der Produktionsfirma vor Ort war und neben der Band und den Darstellern sowohl die Ruhe als auch den Überblick behielt, erteilte gerne Auskunft über die Produktion: "Nach Absegnung der Knast-Idee wurde der Plan genauer ausgearbeitet. Und als alle Details überlegt waren, konnte ein konkreter Termin ins Auge gefasst werden."
In dem Video wird nicht versucht, den Text zu verfilmen. Stattdessen erscheinen zu bestimmten Stellen im Song Bilder, die der Textstelle eine etwas andere Bedeutung geben, als sie sich die Hörer vielleicht vorstellen. Markus erläutert: "Der Song schildert ja nicht so wahnsinnig konkret eine Abfolge von Tätigkeiten - von wegen ich stehe auf, geh' ins Bad, putze mir die Zähne, und dann passiert dieses und jenes. Sondern es heißt ich träum' von dir, küss mich. So etwas kann man natürlich auf verschiedene Arten visualisieren. Und gemäß dem Einfall für dieses Video sind die Jungs von In Extremo eben Knackis, die frisch in den Knast kommen. Die Frau, auf die sich ihre Sehnsüchte beziehen, ist eine strenge Aufseherin - insofern handelt es sich nicht um die schöne Traumfrau, an die man eigentlich denken würde."
Markus' Aufgabe als Boss besteht im Supervising. Er konkretisiert, wie das zu verstehen ist: "Da wir immer mehrere Projekte gleichzeitig bearbeiten, achte ich als Produzent vor allem darauf, dass wir vom Budget her einigermaßen im Rahmen bleiben. Und wenn es dann von der kreativen Seite her allzu krass und dadurch teuer wird, muss man eben einschreiten und sagen, welche Vorstellungen nicht verwirklicht werden können. Außerdem gehören die Kommunikation mit dem Kunden und verschiedene koordinatorische Aufgaben dazu. Diese Arbeiten laufen stets bei mehreren Produktionen parallel. Und für jede einzelne gibt es immer noch einen Producer, der das Ganze im Prinzip von vorn bis hinten organisiert. Er wiederum hat Assistenten, und so geht es dann von oben nach unten."
Und der Drehstab funktionierte wie ein Ameisenhaufen: Alles schien wirr durcheinander zu wuseln, gehorchte jedoch einer inneren Ordnung.
Das Neue Album - die ersten Eindrücke
Der Single "Küss mich" folgt am 1. September das mittlerweile fünfte Studioalbum der Berliner. Songtechnisch markiert es den Schritt in eine neue Ära der Gruppe. Die gewohnten Dudelsackrhythmen erstrahlen in einem neuen, wesentlich härteren, deutlich moderneren Gewand. Neben zwei urtypischen In Extremo-Tanznummern ist das Spektrum der insgesamt zwölf Lieder entscheidend erweitert worden.
Küss mich bildet den Auftakt. Der sehr eingängigen Verschmelzung von Tradition und heftig stampfenden E-Gitarren folgen ein paar roughe Nummern mit Biss, die nicht nur den In Extremo-Kenner überrascht aufhorchen lassen. Die Berliner gehen ungeahnt aggressiv und kantig vor und fordern in ihren Tracks die altbewährten Dudelsäcke zum Duell mit modernen Instrumenten heraus. Gänzlich verzichtet hat man auf das In Extremo'sche Markenzeichen nämlich nicht: die charakteristischen Instrumente wurden einfach mit zeitgemäßeren vermischt und damit in ein völlig neues Klangzeitalter transformiert.
Songtitel sind der Truppe um Sänger und Frontmann Michael, genannt Das Letzte Einhorn, in den Principal-Studios, irgendwo am Ende der Welt bei Münster, noch nicht bekannt. "Wir verwenden, solange wir im Studio sind, meist Arbeitstitel", verrät er. "Und da kommt es durchaus mal vor, dass ein Song beispielsweise Budweiser heißt."
Mit amerikanischer Plörre soll das Stück allerdings nichts am Hut haben. "Wir haben und dabei natürlich von dem tschechischen Original beeinflussen lassen", beteuert Michael. "Die amerikanische Version ist ja schließlich kein Bier." Einer der ganz wenigen Titel, die schon im gemütlichen Studio mitten auf dem Lande feststehen, ist Ave Maria. Und dabei handelt es sich in der Tat um DAS Ave Maria, wie Michael erklärt. "Allerdings", grinst er, "muss man sagen, dass wir es auf unsere ganz eigene Weise interpretiert haben." Was man sehr wohl unterstreichen kann. Der mystisch-verträumte Charakter des Stücks paart sich mit unerbittlich düster-modernen Sounds und erzeugt ein völlig anderes Aroma, als man es von dem Lied normalerweise gewohnt ist.
Man darf ergo gespannt sein auf Küss mich, Ave Maria und die zehn weiteren Tracks des neuen Langspielers. In Extremo präsentieren sich überraschend vielseitig und warten mit einer großartigen Weiterentwicklung auf - ohne sich dabei von ihren Ursprüngen abzuwenden. Musikalisch versiert, sind und bleiben die Berliner eine Attraktion für sich.
