Rock Hard - German - September 1, 1998
Das Volk tanzt
Kurz vor der Jahrtausendwende werden die großen Geheimnisse des Mittelalters gelüftet: Die Kirche hatte einen Geheimdienst, der Hexen verfolgte, die sagenhafte Rose von Jericho besitzt tatsächlich heilende Kräfte, Honigwein macht nicht nur besoffen, sondern auch potent - und fahrende Spielleute konfrontierten verwöhnte Burgherren mit den ersten Metalsongs dieser Welt.
Immer intensiver erforschen Künstler die Vergangenheit. Ihnen - und nicht studierten Bürohengsten - ist es zu verdanken, daß jahrhundertealtes Liedgut nicht von Generation zu Generation versickert und zum nächsten ungelösten Geheimnis verkommt, sondern daß selbst Menschen, die Adidas-Klamotten tragen, Spülmaschinen kaufen, ICE fahren und sich die Brüste operativ vergrößern lassen, das uralte 'Palästinalied' kennen - wenn auch als Gitarren-Drum-Dudelsack-Symbiose. Solche Dinge machen die Berliner IN EXTREMO so wertvoll. Aber sind die - quietsch, Schublade öffnet sich - Mittelalter-Metaller im Jahre 1998 überhaupt richtig aufgehoben?
"Ich bin ganz froh, daß ich im 20. Jahrhundert lebe. Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich wahrscheinlich schon tot - bei dem ganzen Schabernack, den ich schon getrieben habe", lacht Sänger Michael, der sich vor zehn Jahren noch nicht vorstellen konnte, jemals mittelalterlichen Klängen zu frönen.
"Im Alter von acht Jahren stand ich schon mit einem Federballschläger vorm Spiegel und ahmte Deep Purple nach. Später, als Teenager, ging ich oft zelten, und jedesmal stellte ich fest, daß sich bei den Campern, die mit 'ner Gitarre rumsaßen, die meisten Mädchen tummelten. Da dachte ich mir: "Was die können, kann ich auch." Ich lernte Klampfe spielen, und sieh an: Beim nächsten Mal saßen plötzlich zwei Mädchen bei mir."
Michael wurde Rockmusiker, was in der damaligen DDR vor allem Ärger sowie Kampf gegen staatlich-bürokratische Windmühlen bedeutete.
"Ich bekam oft Auftrittsverbot. Wir haben Bands gegründet, aufgelöst oder umbenannt, damit der Staat nicht auf unsere Fährte kam. Letztendlich hieß unsere Combo Noah. Wir spielten Rockmusik, was mir auf Dauer aber zu eindimensional war. Irgendwann, man schrieb das Jahr 1992, saß ich in einer Kneipe und lernte Mittelaltermusiker kennen. Die fragten mich, ob ich trommeln könne. Konnte ich nicht. Aber sie wollten mich unbedingt bei ihren Auftritten auf Mittelaltermärkten dabeihaben. Die Sache bereitete mir riesigen Spaß, und das Interesse für die Musik aus alten Zeiten kam von ganz alleine. So nach und nach stellte ich fest, daß diese Lieder all das beinhalten, was mir an der Rockmusik fehlte: die großen Melodien, das intensive Gefühl. Gäbe es nur Gitarrengebretter, würde ich verblöden."
Und so stand der Berliner immer regelmäßiger in Burghöfen auf Bretterbühnen und erlebte eine Welt, in der Ritter kämpfen, Zahlende in Holzzubern kalt baden und sich mit Birkenzweigen auspeitschen lassen, Krämer um Stoffe, Kräuter und Taler feilschen, Feuerspucker für große Augen sorgen und gestreßte Berufstätige enthemmt lostanzen. Doch die Band Noah sollte nicht Geschichte bleiben: Die mittelalterlichen Spielleute und die Rocker gingen eine explosive Allianz ein und wuchsen zum scharfen Dorn im Auge schnellebiger Trends. Denn die packenden Interpretationen historischer Klänge vom IN EXTREMO-Debüt "Weckt die Toten" sind ehrlich, intensiv und wecken definitiv mehr Emotionen als das Gros der breiigen Single-Hits, die die Charts stürmen.
"Wir wußten während der Studioarbeiten noch nicht, wie wir das Album nennen sollten. Als ein Kumpel vorbeischaute und sich ein paar Songs anhörte, rief er begeistert: "Mann, die Musik weckt ja Tote!" Das war's. Auch ich mag das 'Palästinalied' am meisten. Es ist ein wertvolles, altes Stück über das Christentum. Ich bin zwar nicht besonders gläubig, aber Zeilen wie "Jetzt ist mein Leben lebenswert geworden/seit meine Sünderaugen sahen/das reine Land und seine Erde/die man so rühmt..." gehen mir sehr nahe. Der Schöpfer dieses Liedes hatte dieses Gefühl, als er seinen Fuß auf Palästina setzte, das Paradies auf Erden."
Ihr singt in verschiedenen Sprachen.
"Die meisten unserer Songs sind überliefert. 'Ai Vis Lo Lop' ist z.B. alt-provenzialisch. Das Lied handelt von einem armen Bauer, der täglich einen Hasen, einen Fuchs und einen Wolf sieht. Diese Tiere, so beobachtet er, schnappen sich ihr Fressen und liegen ansonsten nur auf der faulen Haut. Der Bauer hingegen rackert von früh bis spät, um seine Familie ernähren zu können. Er empfindet das als ungerecht und hadert mit dem Schicksal. Eines Tages ist das Bäuerlein sternhagelvoll und sieht die Welt rosarot. Doch am nächsten Morgen wacht der Mann auf, und sein Elend beginnt von vorn. Er sieht wieder den Hasen, den Fuchs und den Wolf.
Der Song 'Como Poden' ist alt-spanisch, 'Hiemali Tempore' wiederum alt-lateinisch und 'Villeman Og Magnhild' alt-norwegisch. Das verstehen selbst die meisten Norweger nicht. Natürlich beherrsche ich diese Sprachen nicht wirklich. Ich habe die Texte auswendig gelernt und weiß, was sie bedeuten."
Welche Tugenden aus dem Mittelalter vermißt du, weil sie unsere heutige Welt positiv beeinflussen würden?
"Wenn fahrende Spielleute kamen, wurde ihnen Respekt geschenkt. Sie waren gern gesehene Gäste. Ich finde das neuzeitliche "Heute spielt so 'ne Scheißband im Jugendclub" sehr schade. Musiker werden oft schlecht behandelt."
Was euch eher nicht passieren dürfte...
"Ich freue mich sehr darüber, daß sich Biker, Folkfans, Waver, Grufties, Metaller und sogar normale 50jährige bei unseren Konzerten tummeln. Ist doch klasse, wenn alte Leute gemeinsam mit Metallern feiern. Das Volk tanzt - und das macht fahrende Vagabunden glücklich."
