Süddeutsche Zeitung - German - October 5, 1999
Marsch und Mythen
Aktuelle Kritik
Es begann vor rund zwei Jahrhunderten. In Reaktion auf die Aufklärung entdeckten die Frühromantiker das Mittelalter wieder. Was bislang als finstere Epoche tumben Ungeistes galt, wurde nun zur Projektionsfolie märchenhafter Phantasien und Geschichtsdeutungen, die seitdem das kulturelle Leben um Mythen, Legenden und Fantasmen bereichern. Ungeachtet aller Korrekturen, mit denen moderne Historiker die heroische Gefühlsduselei revidierten, haben die Bilder und Symbole des Mittelalters noch immer eine immense Ausstrahlungskraft. Denn große Gesten und archaische Gefühle, Gaukeleien und Träumereien verzerren die nüchterne Realität zur rauschhaften Imagination mit einem Hauch von Geschichtsexotik.
In Extremohaben den Mechanismus der Beeinflussung verstanden und inszenieren das Mittelalter als Feierabend-Droge für Part-Time-Freaks. Vor vier Jahren als Feuer- und Akrobatengruppe gegründet, sind die sieben Ideenklitterer inzwischen zu Stars der Gothic-Metal-Szene avanciert, die im Babylon eine Welt beschwören, die es in dieser Form nie gegeben hat, dafür aber demnächst als Computerspiel der Band erhältlich sein wird.
In Extremos musikalisches Mittelalter ist eine Mischung von Kelten-Punk, Klingonen-Rock und Ritterspiel, die mit pubertär machistischer Attitüde die erdachte Körperlichkeit der Vergangenheit in Szene setzt. Musikalisch durch überdimensionierte Dudelsäcke, Schalmeien und Harfen aufgelockert und optisch durch behördlich gebremste Pyrotechnik unterstützt, flagellieren die Musiker durch einen Mischkosmos aus Originalmelodien und nachempfundenen Atmosphären, die sie mit Gitarrengedröhn und Trommelschlägen zum Heavy-Metal-Ereignis aufmotzen.
Und da die Kombination von schwitzenden Männerkörpern, hochverstärkten Marsch- und Tanzrhythmen und postmodern beliebigen Mythen raffiniert zu den weltfernen Darstellungsgewohnheiten der harten Rocker passt, wird das Konzert zur Finster-Party, die mit reichlich Head-Gebange und Ramm-Getanze begeistert gefeiert wird.
