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Gladiatoren in ledernen Röcken
Frühere DDR-Bands feiern mit Erfolg das Mittelalter

Allerlei junges Volk sitzt an rustikalen Holztafeln. Kerzen und Fackeln tauchen das Gewölbe in ein mystisches Licht. Kannibalisch feiern sie ihr Mahl. Die Frauen tragen altertümlich lange Kleider. Die Männern fühlen sich wohl in verwaschenen Bauernhemden oder schwarzen Kapuzenmänteln. Und ein armer Tropf sitzt, an dicke Ketten gefesselt, an einer Säule. Dazu spielen Musiker mit Lauten, Dudelsäcken, Drehleiern, Mandolinen, Geigen und Schalmei auf zum Gelage. Der Osten hat das Mittelalter entdeckt und feiert Parties. Eine üppige Schar von Bands liefert die passende Musik dazu. Heavy-Metal-Fans, Mystiker, Volkstanzfreunde und all jene, die sich nach blutrünstigem Mummenschanz sehnen, kommen auf ihre Kosten.

Die Leipziger Folkländer versuchten in der DDR schon in den 80-er Jahren eine Synthese zwischen Rock und Folk. Als Bierfiedler spielten sie zu Folkstanzfesten auf. Die Musiker hatten lustige Trink-, Handwerker- und sonstige Volkslieder aus dem 18. Jahrhundert im Repertoire, die sie mit elektronischem Instrumentarium verstärkten.

Einen Schuß plebejischer gab sich in Berlin zur gleichen Zeit Corvus Corax - zu Deutsch: Kolkraben. Wie fahrende Spielleute traten sie vor ihr Publikum. "Ich erinnere mich, wie die vorm Fernsehturm in ihrer Tracht die vorübergehenden Passanten mit ihrer Mittelaltermusik begeisterten. Auf der Straße zu spielen war ja in der DDR verboten", erzählt Eric von der Band Subway to Sally, der schon in der DDR zur Folkszene gehörte. "Folk war in der DDR so etwas wie ein Gegenentwurf, wo man sich mit Gleichgesinnten traf. Der ließ sich von den staatlichen Behörden nicht so vereinnahmen wie die Rockmusik." Ärger mit den Behörden und Verbote gehörten zum Alltag.

The Inchtabokatables waren die ersten, die sich nach der Wende bundesweit einen Namen machten. Indem sie Geigen durch Gitarren ersetzten. Mittlerweile haben die Inchies ihr Folkgewand ganz abgelegt. Sänger B. B., der die Glatze gegen den langen Zopf tauschte, spricht aus Erfahrung: "Als ich Mittelaltermusik spielte, hörte ich fast ausschließlich Musik jener Zeit. Erklärt man ältere Musik zur Basis, landet man zwangsläufig woanders als bei sich und geht Kompromisse ein." Geld aber läßt sich mitunter anders verdienen.

30 000 CDs ihres Albums "Weckt die Toten" verkaufte In Extremo vom Prenzlauer Berg im vergangenem Jahr. Fast ohne Hilfe der Medien. Die Band stöberte in Archiven nach alten Stücken aus dem 8. bis 14. Jahrhundert, um die Orginalmelodien mit modernen Rhythmen zu koppeln. Dudelsack, Schalmei, Flöte und Trommel rocken nun mit "Bratgitarren und Böllerdrums". Sänger Michael Rein, der sich "Das letzte Einhorn" nennt, singt mal Lateinisch, mal Mittelhochdeutsch und manchmal sogar Altnorwegisch. Damit das Image stimmt, klingt auch seine Stimme, als sei sie Tausende Jahre alt.

Die Potsdamer Band Subway to Sally dagegen lehnt es ab, alte Melodien neu zu kopieren. Doch auch sie folgt dem Trend "Metal meets Mittelalter". In selbstgeschriebenen Kompositionen und Texten landen Frauen und Männer auf dem Scheiterhaufen. Eric: "Für mich ist das Mittelalter so etwas wie eine Bühne, die dazu dient, zeitlose Geschichten zu erzählen. Geschichten, die ihre Aktualität nicht verloren haben."

Warum serviert Subway to Sally Botschaften durch die Hintertür und deckt sie mit alten Kostümen zu? Die Band möchte dem Publikum die "bittere Medizin" lieber "mit einem Stück Zucker" reichen. Gab es das nicht schon mal im DDR-Rock? In den 70-er Jahren, nach dem Verbot von Renft 1975, zog sich etwa die Dresdner Band electra in die Gemäldegalerie zurück und besang die"Sixtinische Madonna". Transit von der Küste himmelte die "Bernsteinhexe" an, und die Stern Combo Meißen begeisterte sich eher für das "Weiße Gold" als für die Zwistigkeiten der eigenen Generation.

Eric von Subway to Sally verweist auf die kommende Wende. Auf das Ungewisse, was 2001 sein wird. "Die Leute werden den Jahrtausendwechsel als Einschnitt erleben. Sie richten ihr Glück auf die Zukunft. Aber wo sind die Visionen geblieben? Ich sehe keine Party, sondern den Kater danach." Weltuntergang etwa? Das Orakel darf sich auch als Ostrotz entpuppen. Das, was sich Trend nennt, hat der Westen längst hinter sich.

Dennoch: Die Mittelalter-Szene boomt. Da Corvus Corax nun auch Geld verdienen möchte, veröffentlichte die Band auf EMI elektronische Mittelalter-Grooves unter dem Titel "Tanzwut". In Extremo will nicht nur in Rocksälen, sondern weiter auf Mittelaltermärkten trommeln. "Das sind immerhin unsere Wurzeln", meint die Band. Der Geruch des Anarchistischen bleibt.

Subway to Sally ist wohl die am meisten ernst zu nehmende Band. Sie bemüht sich zumindest, einen Hauch Kreativität in die Szene zu bringen. Für ein Kirchenlied nahmen sie schon mal ein Jahr Gesangsunterricht in Kauf. "Und jede Stimme hat ihre eigene Stimmführung", erklärt stolz die Band. Gleich drei Mann von Subway to Sally qualifizierten sich zu Feuerspuckern. Und sind fast so gut wie Rammstein. Doch der lederne Schottenrock dürfte neu sein. Corvus Corax schlüpfen in die Rolle römischer Gladiatoren. Feuer speien können auch die Jungs von In Extremo. Dazu tragen sie Lendenschurz. Mit Jonglierstückchen, Kettensägen und Handständen stocken sie das Rockkonzert zum mittelalterlichen Jahrmarkt auf.