Die Welt - German - January 4, 2000

Ab in die Gruft

Gleich vier Bands des okkulten Gothic- und Darkwave-Sounds hatten gerufen. Und ihre Anhänger, die "Grufties", kamen, um mit "Lost Belief", "L'Ame Immortelle", "Theatre Of Tragedy" und "Goethes Erben" den Gothic-Zeitgeist der achtziger Jahre zu reaktivieren. Die sieben Mittelalter-Rocker von "In Extremo" aus Berlin, als fünfte Band im Bunde, fiel schon durch ihr Instrumentarium mit Gitarren, Schalmei, Dudelsäcken, Flöte, Harfe und Drehleier aus der Rolle. Ihre Bühnengestaltung mit diversen Galgen passte allerdings wieder zum "Gruftie"-Image.

Schwarzgekleidete, gestiefelte, verschleierte und bleichgeschminkte Gestalten mit langen Seitensträhnen oder Irokesen-Frisur tummelten sich beim Dark Storm-Festival in der Columbiahalle. Die wirkte nun wie eine überdimensionale Gruft. 2000 Gothic-Fans sprangen und schwelgten in melancholischen Lasziv-Schauern zum schweren, schön-schaurigen Düsterrock von "Theatre Of Tragedy" aus Schweden. Die Band um die zartstimmige, blonde Schönheit Liv Kristine, die inmitten all der Schwarzmähnigen einen bizarren, engelgleichen Kontrast abgab, stellte ihre neue Kultplatte "Aégis" vor. Gefolgt von dem derben Mittelalter-Haufen der "In Extremo"-Rabauken. Nach zermürbenden Umbaupausen von bis zu vierzig Minuten.

Nackte Oberkörper und Männer in Lederröcken. Dazu Feuerfontänen, die die "Grufties" wachrüttelten. Gemäß dem Song "Weckt die Toten". Denen war bei der Mischung aus Darkwave und Spoken-Word-Performance mit "Goethes Erben" nicht mehr zu helfen. Trotz netten Streicher-Ensembles. Nach ein Uhr morgens zog die Gemeinde erschöpft wieder ab. Ab in die Gruft.