Die Welt - German - December 20, 2002
Jutekleider ohne was drunter
Schalmeien-Rock: Im Osten geht das Mittelalter nie zu Ende
Vor 20 Jahren reisten wir zum ersten Mal ins Mittelalter. Viele taten das in Ostdeutschland, und viele tun es heute noch. In ungeschickt gefärbten Drillichhosen, einem selbst genähten Lederwams, sogar die Stiefel nähten wir in tagelanger Handarbeit. Auch einen Jutesack. Wir steckten Mandoline und Schalmei hinein und brachen nach Bulgarien auf. In Budapest erfreuten wir Touristen aus dem Westen, und in Plowdiw sperrten uns betrunkene Polizisten ein. Juchhei, wir Spielleut hatten eine frohe Zeit, während die DDR sich in den Achtzigern ein wenig trostlos gab.
Zum Glück sind Fotos dieser Subkultur aus jenen Tagen seltener als Bilder frecher Punks oder besorgter Bürgerrechtler. Aber jede Platte, die von Bands wie In Extremo ("Sünder ohne Zügel", Mercury) oder Tanzwut ("Labyrinth der Sinne", EMI) nach wie vor erscheint, erinnert uns daran. An Pferdemarkt in Havelberg. An eine Welt, in der die Kneipe Schenke hieß und wo der Zecher seine Becher leerte. Ein Idyll, das Punks und hippieske Folkloristen mit der Gothic-Szene einte. Keiner wird besonders gerne an sein Jugend-Irresein erinnert. So, als fiele einem ein, dass man mit 13 heimlich Mamas Mieder vor dem Spiegel angezogen hat.
Den In-Extremo-Sänger nennen sie "Das letzte Einhorn". Dieses singt dann: "Zeigt der Sinn / So wie ich wirklich bin / Lenkt der Sturm mich stets woanders hin / Trügt der Schein / Ich kehre niemals heim / Am festen Band / Und bin dann doch allein." Das Mittelalter gilt als Zeit des Raunens, der gestelzten Minne und des reuelosen Unfugs. Musiker wie Flex Der Biegsame, Der Morgenstern oder Die Lutter stiefeln heute noch durch Berlins Prenzlauer Berg wie die Figuren eines Mystery-Computerspiels. Mit Lederwämsern, tätowierten Ornamenten und geflochtenen Bärten. E-Gitarren spielen sie zu Trummscheit, Cyster, Pferd und Nyckelharpa. C-Sack, D-Sack, mal Schallmei oder Schalmey, so steht es auf der Plattenhülle. Alles selbst geschnitzt, gebohrt oder geleimt. Wenn In Extremo nicht mehr weiter wissen, halten sie sich an Villon und de Beaumont. Vertonen Goethes "Rattenfänger", Wikinger mit kruden Namen und die Verse der Carmina Burana aus dem Werbefernsehen. Und am Ende klingen In Extremo sehr verwechselbar. Wie Tanzwut, Weissglut oder Rammstein. Nicht mehr wie die Inchtabokatables mit ihren Musikern Herr Jeh oder B. Deutung, denn die haben sich vor kurzem endlich aufgelöst.
Wozu das alles? Warum standen Bands wie Ougenweyde eher am Rand der westdeutschen Gesellschaft, während Spielmannsrock im Osten eine landesweite Gegenkultur trug? Und weshalb heißen Platten hier "Verehrt und Angespien" und "Herzeleid" und "Labyrinth der Sinne"? "Über den Wolken und unter dem Meer / Hinter all deinen Sünden / Werde ich dich finden", singt Das Letzte Einhorn. Wen finden? Mich? Sogar wenn Rammstein spielen, sind die Gauklerfeste zu ahnen, die sie noch als Punkband Feeling B an Castorfs Volksbühne gefeiert haben. Schöne Szenefrauen wurden dort aufs Rad geflochten, rohes Fleisch verzehrt sowie der "Rote Tod" beschworen und aufs Herzlichste berlinert. Immer noch hat Rammstein Spaß daran, denen da oben zu missfallen. Weil sich Mystisches mit Mythischem vermengt, das Heidnische mit Nordischem. Und weil das alles grimmig vorgetragen wird, findet sich immer jemand, der darin Faschistisches entdeckt. Zumal ein Sänger der Band Weissglut schon entlassen wurde, weil er sich gedankenlos als Neonazi zu erkennen gab - was schnell geschieht, wenn man die Menschheit provozieren will, aber zu blöd ist für die heikle Zeichenwelt des Mittelalterkults. Denn dieser Kult kam aus dem Spaß. Das Mittelalter als Epoche der befreiten Liebe, des Gesanges und Gesaufes, Jutekleider ohne was darunter. Woodstock und Utopia in Havelberg oder Steinbrücken. Wie ein dauerhafter Karneval erlaubte dieser Mummenschanz voller historischer Klischees eine gewisse Anarchie. Bis selbst die FDJ das Derbe, Rustikale zur Katharsis nutzte, Volkstanzgruppen förderte und Folkloristen ihre Brummtöpfe bezahlte. Also wandten sich die wahren Spielleut einer raueren Variante mit elektrischen Gitarren zu und konservierten das.
Vielleicht ist diese Art Musik und Kult nur zu verstehen an der "Alten Försterei". Dies ist eine Sportanlage im Südosten von Berlin, von Erdwällen umgeben. Eine Fußballfestung, wie der Köpenicker Volksmund sagt. Hier spielt der Fußballklub Union Berlin vor ruinösen Rängen. Vor dem Spiel dröhnt aus den Lautsprechern gewöhnlich "Eisenmann" von Tanzwut. Unten auf dem Spielfeld tanzt der Ritter Eisenherz. Ein schwitzender Student mit Schaumstoffrüstung schwingt den Morgenstern. Rammstein gibt Konzerte in Amerika, In Extremo fährt bis Westdeutschland. Union Berlin fährt nach Bulgarien, juchhei, im Uefa-Cup mit Ritter Eisenherz und Tanzwuts "Eisenmann". Wie wir vor 20 Jahren mit Schalmei und Lederwams.
