Berliner Morgenpost - German - September 8, 1998
Von Schlitzohren und Beutelschneidern
Dudelsack und Schalmei für die neue CD: In Extremo bewegen sich auf den Spuren mittelalterlicher Spielleute
"Verehrt und Angepien" nennt sich das nagelneue Album der Gruppe In Extremo. Paradoxerweise sind die phonstarken Mittelalter-Rocker sehr beliebt, landauf landab spielen sie vor vollen Häusern. "Der Titel trifft die Situation des Spielmannes im Mittelalter, seine Gratwanderung zwischen Zuneigung und Verachtung", erläutert Boris "Yellow" Pfeiffer, der beim Berliner Septett für Dudelsack, Nykelharpa und Schalmei zuständig ist.
In Extremo sehen sich als Nachfahren der Spielleute, deren Leben sie ausgiebig erforscht haben: "Wie heute noch in Indien gab es verschiedene Stufen für Musiker: Dudelsackbläser standen ganz unten, Fiedel und Flöte darüber. Sie waren die Instrumente der Bauern." Dann folgten Schalmei und Pommer, die Vorläufer von Oboe und Fagott, die dem Magistrat dienten. Der Adel ganz oben durfte Pauken und Trompeten benutzen. Blechinstrumente zu blasen war dem Spielmann gesetzlich verboten. Wenn die Spielleute gebraucht wurden, holte sie sogar der Adel an den Hof: "Dennoch galten sie als vogelfrei und wurden oft um ihren Lohn geprellt." Allerdings hatten die Spielmänner ihren schlechten Ruf gelegentlich auch zu Recht, wie Boris einräumt. "Sie wurden mit Beutelschneidern und Schlitzohren gleichgesetzt."
Sowohl auf Platte als auch im Konzert setzen In Extremo eigene Akzente: "Ich stand schon immer darauf, Musik mit Zirkus zu mischen. Traditionelle Rockshows sind mir meist zu langweilig", meint Boris, der sich Yellow Pfeiffer nennt, da er auf der Bühne bevorzugt gelb trägt. Seiner Meinung nach ergänzen sich traditionelle Instrumente und Elektrogitarren vorzüglich: "Man darf nicht vergessen, dass der Spielmann im Mittelalter ein hochmoderner Mensch war. Er kam viel herum und brachte die neuesten Instrumente und Lieder mit nach Hause. Er verarbeitete die jüngsten Nachrichten und hatte schrille Klamotten an, um aufzufallen. Und er war Europäer, er reiste über den ganzen Kontinent, lernte von anderen Kollegen, zeugte Kindern mit Frauen in allen Ländern der alten Welt."
Wie ist der Blondschopf überhaupt in dieses "Mittelalterspektakel" geraten? "Ich mache schon seit mehreren Jahren mittelalterliche Musik. Unseren Sänger Micha und Dudelsackbläser Dr. Pymonte kannte ich aus ihren alten Bands. In Extremo ist eine Idee von Micha, der mir das Konzept vorstellte, und das hat mir gut gefallen. Von Anfang an sollte die Combo zweispurig fahren: Als Rock-Act würde sie in den Clubs spielen und als Mittelalterformation über die Historienfeste ziehen."
Auf der Platte findet sich auch ein Stück namens "Merseburger" - angelehnt an die berühmten Merseburger Zaubersprüche, das älteste deutschsprachige Schriftstück, das man in Deutschland gefunden hat. Ein alter Knochenzauber aus heidnischer Zeit, den man, wie der Name sagt, in Merseburg gefunden hat. "Inhaltlich ist er aber nicht zu verstehen", räumt Boris ein. "Diesen Spruch haben wir vertont, es gab auch keine Melodie dafür."
Insgesamt hat Boris sein Instrumentarium erweitert; neben Sackpfeife, Schalmei und Flöte spielt er jetzt auch die Nykelharpa. "Eine Mischung aus Drehleier und Geige", wie der Fachmann erklärt. "Wir sind keine Studiomusiker, bei uns ist die Vielseitigkeit des Spielmannes gefragt. Früher musstest du die Leute einfach begeistern, um zu überleben."
Hätte der 30-Jährige gerne im Mittelalter gelebt? "Ich gebe zu, dass ich die Zeit romantisiere. Andererseits stehe ich fest in der Gegenwart, vielleicht hätte ich in meinem Alter damals gar nicht mehr gelebt." Schließlich hatte das Mittelalter auch seine banalen Schattenseiten: "Ich war schon sehr froh, dass mein Zahnarzt mich kürzlich betäuben konnte. Dennoch finde ich die alte Zeit hochspannend."
