Berliner Zeitung - German - August 1, 1998

Schweres, dumpfes Gehämmer

Ein kurzer Spuk ist Mittelalter-Rock schon lange nicht mehr. Zahllose Bands ziehen mit Schalmei oder Dudelsack nicht nur auf Gauklerfeste, sondern erobern auch die Rocksäle. Der Saal im Pfefferberg war voll, als In Extremo am Donnerstag spielte. Das Spektakel begann schon vor dem Auftritt. Ein Kulturprogramm der Akrobaten von "Turbine Marzahn" wechselte mit DDR-Kultmusik vom Band das komplette Standardprogramm, von Herbert Roth über das Pionierlied "Unsere Heimat", Nina Hagens "Farbfilm", "Geh zu ihr" von den Puhdys bis zum Berluc-Kracher "Hallo Erde, hier ist Alpha".

Vielleicht sollte das andeuten: Ob DDR oder Mittelalter, beides sind abgeschlossene historische Epochen, ob Walter Ulbricht oder Walther von der Vogelweide, beide sind lange tot. Es ist wohl kein Zufall, daß von den Mittelalterbands besonders viele aus dem Osten stammen. Einerseits war der Ostrock nicht so fest der angloamerikanischen Musik verhaftet, ging viel natürlicher mit deutschen Texten um. Andererseits läßt es sich mit Mittelalter-Rock leicht vor der womöglich unerquicklichen, kalten Neuzeit fliehen, sich statt dessen in ein extremes Leben hineinspinnen. Die Kritik ging mit Mittelalter-Rokkern oft hart ins Gericht: Während im Hard- und Heavy-Metal-Sektor keiner Anstoß nimmt an bizarren, monströsen Outfits, werden hier oft harte Maßstäbe angelegt. Auch In Extremo haben sich wie fahrende Vaganten kostümiert und blasen dem Publikum mit drei Dudelsäcken den Marsch, angetrieben von schweren, drohenden Paukenschlägen. Wenn man die martialischen Sieben sieht, die sich wie besessen im Takt ihrer Höllenklänge unterm Galgen wiegen, könnte man sie tatsächlich für Vorboten der Apokalypse halten. Der Sänger, der sich "Das letzte Einhorn" nennt, brüllt dazu mit schnarrender Stimme seine Songs auf Latein, Mittelhochdeutsch oder Neudeutsch. Ihre Lieder klingen allerdings spätestens nach dem dritten, vierten Stück ziemlich gleich. Auf die Breitseiten von Dudelsack oder Schalmei folgt postwendend die Attacke der Heavy-Metal-Gitarre. Die volksliedhafte Schlichtheit und Poesie, die manche Titel von Subway To Sally auszeichnet, fehlt ihnen völlig. Selbst ihr Liebeslied "Rotes Haar", das an Francois Villon angelehnt sein soll, aber bei den "Marie"-Liedern der Sallys abgekupfert ist, bleibt ein recht dumpfes Gehämmer. Ihre Show erinnert an die kraftstrotzenden Rammstein-Spektakel: Schweißgeölte Muskelmänner wecken Lust am Grusel. In Extremo haben zudem eine ausgeprägte pyromanische Ader, betätigen sich als Feuerspucker, heizen ihren schwitzenden Jüngern ein. So hat ein Stück Jahrmarkt in den Rock n Roll gefunden.